Europa du hast versagt! [Gastbeitrag Mission Lifeline]

Hallo,
meine Name ist Hermine. Ich habe 2 Jahre für die Dresdner Seenotrettungsorganisation Mission
Lifeline gearbeitet und engagiere mich nun in der Seebrücke Ortsgruppe Dresden. Im Juni 2018
war ich Teil der Crew des Seenotrettungsschiffes Lifeline, als dieses mit dem Kapitän Claus-Peter
Reisch mit 234 Menschen an Bord sieben Tage lang nicht in einen europäischen Hafen einlaufen
durfte und danach unrechtmäßig festgesetzt wurde.

Vergangene Woche war ich auf der Insel Lesbos. Auf der Insel befinden sich momentan ca.
13.000 geflüchtete Menschen, die in einem mit Stacheldrahtzaun umringten provisorischen
Zeltlager vom UNHCR festsitzen. Vor etwa 11 Tagen ist das zuvor unter dem Namen Moria
bekannt gewordene Geflüchtetenlager komplett abgebrannt. Nach der Flucht vor den Flammen,
mussten die Menschen mehrere Tage lang auf der Straße ausharren. Ohne Unterkunft, mit nur
sehr wenig bis gar keiner Nahrung und nur sehr wenig Wasser.

In einem kleinen Rückblick möchte ich euch meine persönlichen Erfahrungen auf Lesbos zuteil
werden lassen.

Ich habe heute Europa verlassen.

Ein bisschen nervös bin ich schon. Ausgestattet mit Kameraequippement, Cappi und viel
Sonnencrème fahre ich mit zwei Kollegen den 30 minütigen Weg von Mytilini über die Insel
Lesvos, um zu dem einzigen Zugang zu dem Ort zu gelangen, wo 13.000 Menschen seit 5 Tagen
festsitzen. Nach 25 Minuten passieren wir das völlig ausgebrannte alte Lager Moria – der Ort, von
dem sie ‚erneut’ fliehen mussten.

Die schwarz grauen Beton- und Stahlgerippe der wenigen Anlagen und Gebäude ragen zwischen
den toten Bäumen hervor. Wir passieren Menschen mit Plastiksäcken auf der Schulter, die die
Straße hinunter laufen. Der Schweiß rinnt ihnen von der Stirn – es ist über 35° heiß.

Zwei Polizeiabsperrungen müssen wir mit dem Auto überwinden, kurz vor der Dritten stellen wir
es am Straßenrand ab. Wir laufen gemeinsam auf die Polizisten und Soldaten zu. Einer weist uns
an, uns auf die linke Seite hinter den Zaun zu stellen – kein Durchgang. Wir warten. Den Blick
gerichtet auf eine große Anzahl leerstehender weißer Zelte in Reih’ und Glied, direkt ans Meer
gebaut. Den starken Küstenwinden fast schutzlos ausgeliefert. Ein hoher Zaun ringsherum
gesäumt von glänzend-neuem Stacheldraht. Das muss wohl das ‚neue’ Camp sein, wo die
Menschen als nächstes eingesperrt werden sollen. Baggerlärm und Baumaschinen übertönen die
Szenerie.

Wir wollten uns aber nicht damit zufrieden geben hier draußen zu stehen. Wir fragen erneut, und
dürfen passieren. Was sich geändert hat, wissen wir nicht. Die Straße geht ein wenig bergauf.
Oben macht sie eine Biegung nach links. An uns vorbei fahren immer wieder Autos von
Hilfsorganisationen wie Ärzte ohne Grenzen und anderen. Nach der Biegung sehen wir einen
großen, blauen, gepanzerten Polizeitransporter als Blockade quer auf der Straße stehen. Rings
herum wieder Polizisten und Soldaten. Wir laufen einfach an ihnen vorbei. Und dann sind wir auch
schon mitten in einer großen Menschentraube von Volonteers und Refugees.

Hier direkt am Beginn des abgesperrten Bereiches findet jeden Tag um etwa 17Uhr die
Essensausgabe statt. Drei Männer einer Hilfsorganisation stehen auf den Dächern von 2 Vans und
versuchen deutlich gestikulierend und mit durchdringenden Stimmen die Menschen in der
Essenschlange zu koordinieren. Eine sehr unübersichtliche Situation – wir müssen auch erst
einmal schauen, was da gerade passiert. Und dann geht es los. Über Megaphon wird verkündet,
dass die Essenausgabe beginnt. Die Vans sind umringt von Volonteers die eine Kette bildeten um
die Menschen durch die Vergabe zu leiten. Nach und nach kommen immer mehr mit blauen, halb
gefüllten Plastiksäcken in der Hand und etwas erleichterten Gesichtern hinter den Vans hervor.
Frauen und Kinder haben ihre eigene Schlange. Wir beobachten die Szenerie eine ganze Weile.
Der Strom an Menschen reisst nicht ab. Dicht gedrängt, aber geduldig stehen sie in der prallen
Sonne und warten darauf endlich dran zu kommen. Frauen. Kinder. Jugendliche. Männer. Es
dauert wohl manchmal bis zu 5 Stunden bis die Essenausgabe beendet ist. Auf der rechten
Straßenseite sehen wir die ersten provisorischen Zelte aus Decken, Planen, Plastiksäcken und
Bambusstöcken. Unter jedem Schattenspender hocken mehrere Menschen. Sehr viele Familien.
Sie haben sich da alle irgendwie eingerichtet. Mit eigentlich Nichts. Manche haben kleine
Kochstellen auf Lagerfeuern aufgestellt. Direkt neben der Bordsteinkante. Der Asphalt ist
ausgelegt mit Pappen oder Decken. Überall liegen blaue, prall gefüllte Plastimüllsäcke herum. Die
Straße ist dreckig. In der Luft hängt ein Geruch, der einem zu Beginn ein wenig den Atem nimmt.
Beschreiben kann ich ihn nicht. Auch nach einer Weile gewöhnt man sich nicht daran. Die
Atmosphäre würde ich als entspannt beschreiben. Die Menschen haben sich mit der Situation
scheinbar abgefunden. So wirkt es von Außen, als wäre eine Routine eingekehrt. Menschen laufen
hin und her, tragen Wasserflaschen, ihre blauen Essenssäcke wie Einkaufstüten, manche ziehen
Dinge auf Plastikkisten festgebunden hinter sich her, den dicken Mantel zum Schutz vor
nächtlicher Kälte über den Schultern, durchgeschwitzt, zwischendrin rennen Kinder über die
Straße und spielen, – fast ein Treiben wie auf einem Wochenmarkt oder Basar. Schaut man aber
genauer hin, sieht man, dass hier etwas ganz und gar nicht stimmen kann. Die Zelte aus Planen
und Decken auf beiden Seiten der Straße werden mehr, je weiter wir gehen. Jeder Zentimeter der
Fusswege, nahe von schattenspendenden Mauern, ist mit provisorischen Unterkünften
abgesteckt. Auf den Vorplätzen von ehemaligen Supermärkten häufen sich die Ansammlungen
von Menschen. Meine Blicke schweifen umher – wohin ich schaue: Zelte, Kleidung auf kreuz und
quer gespannten Wäscheleinen oder über Stacheldrahtzäunen, Säcke mit dem wenigen Hab und
Gut was noch geblieben ist, sind auf die zwei Quadratmeter Fläche zum ‚leben‘ für meist mehr als
4 Personen gequetscht, Menschen die sitzen und warten, Menschen mit zerschlissener, dreckiger
Kleidung, Kinder die mit Müll spielen, Frauen die auf kläglichen Flammen kochen oder an
Schläuchen, die am Rand der Straße im Dreck liegen, wo ein wenig Wasser heraussprudelt, ihr
Geschirr oder ihre Wäsche Waschen, Menschen, die versuchen auf dem harten Asphaltboden ein
wenig Schlaf zu finden. Erschöpfte Menschen, leere Blicke, Scham.

Ich laufe einfach weiter. Meine Beine bewegen sich eher automatisch. Ich will sie nicht anstarren.
Dann fasse ich doch meinen Mut zusammen und Frage eine Familie, ob ich ein Foto machen darf.
Sie sagen ja. Zwei kleine Mädchen – vielleicht 2 oder 3 Jahre alt beginnen in meine Kamera zu
strahlen und posieren, den Daumen nach oben gestreckt, als würde ich ihnen gerade einen
Geburtstagskuchen überreichen. Eine junge Frau kichert verschmitzt im Hintergrund, ein junger
Mann schaut stolz aber auch ein bisschen verlegen auf vermutlich seine Töchter. Ein Mann tritt
von der Seite an mich heran und beginnt zu erzählen, wie sehr sie hier auf der Straße leiden. Sie
haben nichts. Sie haben alles verloren. Sie haben Hunger und Durst und er fragt wann das Leiden
ein Ende hat. Er fragt nach Freiheit. Ich frage ob er mir ein Interview gibt. Er sagt: Nein. Wenn ich
im Fernsehen zu sehen bin, werden sie mich verhaften. Ich lasse die Kamera aus. Ich frage wie
lange sie schon auf Lesvos sind: seit 11 Monaten. Wir sprechen noch ein wenig. Er wirkt
geschwächt. Sein Blick ist voller Enttäuschung. Dann zupft eine kleine Hand an meiner Kamera –
die beiden Mädchen fordern, dass ich mehr Fotos von ihnen mache. Wenn ich ihnen die Bilder
zeige freuen sie sich und kichern und lachen. Ich bedanke mich bei der Familie, wünsche ihnen
viel Kraft und gehe weiter.

Die Straße nimmt gefühlt kein Ende. Ich kann die Menge an Menschen nicht erfassen. Es sind so
unfassbar viele. Aus Syrien, Afghanistan, Afrika, Muslima und Muslime, Christinnen und Christen,
alle eingepfercht auf dieser einen Straße. Und es sind so unglaublich viele Kinder hier. So viele
kleine Kinder und Babys. Überall rennen sie über die Straße oder liegen in den Armen ihrer Eltern
auf dem harten Steinboden unter den Planen.

Irgendwann sehe ich wieder die querstehenden, blauen Polizeibusse, die Polizisten und die
Soldaten. Dort geht es nicht weiter. Die Straße führt direkt in die kleine idyllische Küstenstadt
Mytilini aus der ich heute Morgen aufgebrochen bin.

Ich drehe wieder um. Links und rechts von der Hauptstraße gehen noch kleinere Wege ab an
denen sich die Menschen niedergelassen haben. Ich sehe keine einzige sanitäre Einrichtung.
Niemand kann Duschen. Es gibt keine Toiletten. Niemand reinigt die Straße. Niemand holt den
Müll ab. Überall Müllberge – die bereitgestellten Tonnen quillen über. Ich sehe einen Jungen von
etwa 14 Jahren, wie er versucht vor dem Zelt seiner Familie mit einem großen Zweig zu fegen. Es
gibt keine Waschplätze, die Menschen hocken an verdreckten Wasserschläuchen mitten auf der
Straße und versuchen sich ein wenig zu waschen. Es gibt nur sehr wenig Wasser zum trinken, es
gibt keinen Schutz vor der Hitze am Tag und keinen Schutz vor den kalten Winden in der Nacht.
Es gibt nichts, was daran erinnern könnte, dass hier Menschen leben sollen.

Gedanken kreisen durch meinen Kopf. Wie kann es sein, dass diese Menschen hier so behandelt
werden, als wären sie der letzte Dreck. Wieso kommt niemand her und hilft ihnen? Warum
eigentlich dürfen genau diese 13.000 Menschen nicht selbst entscheiden, wo sie leben wollen?
Warum werden sie hier auf europäischem Boden eingesperrt, sich selbst überlassen und
schlechter behandelt als das Schlachtvieh auf dem Bauernhof?

Ich versuche nachzuvollziehen, wie es sein muss, auch nur einen Tag hier festzusitzen. Der
Gedanke erdrückt mich. Ich kann es mir nicht vorstellen. Bin ich eigentlich noch in Europa? Ich
glaube ich habe Europa heute verlassen.

Als die Sonne untergeht, kann ich ohne Probleme an den Soldaten und Polizisten vorbei
zurücklaufen und in meine Unterkunft fahren.

Am nächsten Morgen kehre ich zurück. Ich werde freundlich von vielen Menschen gegrüßt. Das
Lager – oder was auch immer es ist – erwacht von einer anstrengenden und kalten Nacht. Ich sehe
in viele schlaftrunkene, angestrengte Gesichter. Manche erkennen mich vom Vortag wieder und
sprechen mich gleich an. Sie freuen sich scheinbar mich zu sehen. Nach kurzer Zeit sind wir
umringt von mehreren Kindern aus Afghanistan und Syrien. Ein kleines syrisches Mädchen breitet
einen Pullover auf dem Bordstein aus, winkt mich heran und bittet mich mit Gesten mich dort
hinzusetzten. Als ich sitze, fragt sie mich: Coffee? Ich weiß garnicht was ich sagen soll. Ich lache
und schüttle den Kopf. Aber sie geht freudestrahlend zu ihrem Vater und fragt ihn ob er mir einen
Kaffee macht. Natürlich tut er das nicht. Eine sehr bizarre Situation. Sie kommt zurück, setzt sich
neben mich, lehnt sich an mich an und wirkt irgendwie glücklich.

Wieder spricht mich jemand von der Seite an und bittet mich ihn zu begleiten. Er will mir seine
Familie vorstellen. Ich gehe mit. Vor dem Ort, wo er gerade lebt, bleibt er stehen. Wie einen
Vorhang schiebt er eine blaue Decke zur Seite – was ich dahinter sehe lässt mich stocken. Es
sitzen vier oder fünf Frauen unter diesem Zelt. Sehr junge Frauen und eine etwas ältere Frau. Drei
der Frauen halten Babys in ihren Armen. Zwei Neugeborene. Eine Woche alt. Und ein Baby von
etwa einem halben Jahr. Ich kann das gerade nicht begreifen. Ich frage, wo sind denn die Kinder
geboren? Eine Frau zeigt neben sich auf den Boden: „Na hier.“ Ich frage ob es medizinische
Versorgung oder Hilfe bei der Entbindung oder irgendwas gab. Sie schütteln den Kopf. Ich
spreche noch gut eine Stunde mit ihnen und sie schildern mir ihr Leben – oder was auch immer
das sein soll – im ehemaligen Camp Moria und jetzt auf der Straße. Sie erzählen mir von ihren
Hoffnungen und von ihrer Motivation nach Europa zu kommen. Sie erzählen mir von ihrer
Enttäuschung.

Irgendwann gehe weiter. Es ist nicht schwer Menschen zu finden, die mit mir sprechen wollen.
Viele wollen reden. Ich brauche eigentlich keine Fragen zu stellen. Sie sprechen und haben viel zu
sagen. Sehr eindrücklich. Ich höre nur zu.

Egal mit wem ich vor Ort gesprochen habe – der Tenor ist immer der Selbe. Sie haben Hunger. Sie
haben Durst. Sie fragen sich, warum gerade sie an diesem Ort festsitzen. Warum sie behandelt
werden wie Tiere. Warum sie hungern müssen. Mitten in Europa. Dem Land der Demokratie. Der
Menschenrechte. Sie fragen sich, wann sie endlich hier rauskommen. Sie wollen nicht in noch ein
neues Lager gesteckt werden. Sie haben Angst davor, weil sie dann wieder nicht wissen: Wir
lange müssen sie dort bleiben? Wie lange müssen sie ausharren? Sie sagen, es wird einige Tote
geben. Es werden Leute versuchen aus dem Camp zu fliehen. Vielleicht versuchen sie über das
Meer ans Festland zu kommen. Wahrscheinlich werden einige dabei ertrinken.
Sie ertragen es nicht mehr dort zu sein.

Die Menschen sind mittlerweile zu einem Großteil von der Straße runter und in dem
Geflüchtetencamp des UNHCR untergebracht. Sie wurden teilweise mit Drohungen und unter
Druck durch die Polizei und das Militär dazu gezwungen die Straße zu räumen und in das Camp
zu gehen. Obwohl ihnen niemand genau sagen konnte, was sie dort erwartet. Eine der Drohungen
war: Wenn ihr nicht ins Camp geht, werdet ihr abgeschoben. Ein Familienvater, der bereits im
Camp ist, erzählt mir, dass es dort kalt sei. Der Wind bläst den ganzen Tag und sie frieren. In der
Nacht ist es noch schlimmer. Sie können sich kaum bewegen, da es keinen Platz gibt. Die Zelte
sind dicht an dicht gebaut. Er ist mit seiner Frau und zwei kleinen Kindern dort und teilt sich ein
Zelt mit etwa 10-15 weiteren Personen. Es gibt keine Möglichkeiten sich zu Waschen und nur sehr
wenige Toi-Häuschen, die aber nicht gereinigt werden und entsprechend unhygienisch und
ekelhaft sind. Freiwilligen Hilfsorganisationen ist der Zutritt nicht erlaubt. Einmal am Tag gibt es
Essen. Dann heißt es wieder stundenlang anstehen. Für Menschen aus Afrika ist das Essen
ungenießbar. Die europäischen Zutaten sind sie nicht gewohnt – auch nicht, dass jemand für sie
kocht. Sie versorgen sich in der Regel selbst. Das ist aber an diesem Ort nicht möglich, da sie
nirgendwo Lebensmittel einkaufen können geschweige denn kochen. Im Camp sind sie
eingesperrt. Unschuldige, gefangen im ignoranten politischen Machtgerangel europäischer
Abschottungspolitik.

Ich bin wütend, fassungslos und enttäuscht. So einen Ort darf es in Europa nicht geben. Das ist
eine Schande für all diejenigen demokratischen und menschenrechtlichen Werte, die Europa
angeblich inne hat und mit denen ich aufgewachsen bin. Es ist eine Schande wie mit zweierlei
Maß bewertet wird, wer es ‚wert‘ sei hier zu leben und wer nicht. Es ist eine Schande wie
Menschen über Monate hinweg jegliche Grundrechte und Menschenrechte entzogen werden
unter den Augen und mit Zustimmung der europäischen Politiker*innen. Schäm dich Europa. Du
hast versagt.

Ein Gedanke zu „Europa du hast versagt! [Gastbeitrag Mission Lifeline]

  • 22. September 2020 um 22:09
    Permalink

    Sehr guter berührender Bericht. Liebe Hermine, Gruß von Nils (Lesvos 2015 noborder kitchen).

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